Wirkungen und Nebenwirkungen der Kräuter


Fingerhut

(Zur Kurzfassung über Giftpflanzen)

Heilpflanzen haben eine echte Wirkung auf den Körper und die Gesundheit. Das wurde für zahlreiche Pflanzen auch schon in medizinischen Studien nachgewiesen.

Leider hat diese Wirkung auch unerwünschte Nebenwirkungen zur Folge.

Bei manchen Heilpflanzen entspricht die Schwere der Nebenwirkungen in etwa der nützlichen Wirkung, z.B. Fingerhut. Bei anderen Pflanzen übersteigen die Nebenwirkungen die Nutzwirkung erheblich, weshalb sie kaum benutzt werden, z.B. Zaunrübe. Wieder andere Heilpflanzen haben eine deutliche Nutzwirkung und kaum Nebenwirkungen, was sie zu nützlichen Pflanzen für die Selbstbehandlung macht, z.B. Weissdorn.

Keinesfalls stimmt jedoch die Aussage "Heilkräuter können nur heilen, nicht schaden.".

Heilkräuter können durchaus schaden. Daher sollte man wissen, was man tut, wenn man Heilpflanzen anwendet.

Die bekannteste Aussage von Paracelsus trifft den Nagel auf den Kopf und kann getrost als allgemeingültige Faustregel betrachtet werden:

"Alle Ding' sind Gift und nichts ohn' Gift; allein die Dosis macht, das ein Ding kein Gift ist."

Im Grunde genommen ist also alles Gift, es hängt allein von der Dosis ab.

Selbst das lebenswichtige Wasser kann giftig sein, wenn man es übertreibt. Wenn man in kurzer Zeit 20 Liter Wasser trinkt, ohne ausreichend Salz hinzuzufügen, stirbt man einen unangenehmen Tod an Wasservergiftung.

Unter diesem Gesichtspunkt muss man also auch die Wirkungsweise der Heilpflanzen betrachten.


Giftige Heilpflanzen

Manche Heilpflanzen wirken schon in kleinen Mengen so unangenehm, dass sie ernsthafte Gesundheitsbeschwerden bis hin zum Tod bewirken können.

Solche Heilpflanzen werden als "giftig" bezeichnet.

Die Giftigkeit einer Heilpflanze kann aber auch sehr unterschiedlich sein.

Manche Heilpflanzen sind nur sehr schwach giftig, sodass eine unangenehme Wirkung nur beim Verzehr grosser Mengen auftritt, beispielsweise der Gänsefuss, der von vielen Wildkräuter-Fans sogar als Gemüse genossen wird.

Im anderen Extrem gibt es Heilpflanzen, bei denen schon der Genuss weniger Blätter tödlich giftig sein kann. Dies ist beispielsweise beim Eisenhut der Fall, der dennoch stark verdünnt eine gute Heilpflanze ist, weil er gereizte Nerven stark beruhigen kann.

Irgendwo auf der Skala von schwach giftig bis hin zu tödlich giftig befindet sich die Giftigkeit anderer Giftpflanzen.

Die Situation wird noch durch einige andere Faktoren verkompliziert.

Unterschiedlicher Wirkstoffgehalt

Je nach Standort, Zeitpunkt, Boden und anderen Faktoren ist der Wirkstoffgehalt, und somit auch der Giftgehalt, der Pflanzen sehr unterschiedlich.

So kann es geschehen, dass eine Pflanzenart selbst bei wissenschaftlichen Untersuchungen mal als stark giftig und mal als kaum giftig eingestuft wird.

Persönliche Einstellung

Auch die persönliche Einstellung zu Heilpflanzen und die individuelle Ängstlichkeit in Bezug auf Wirkstoffe kann zu sehr unterschiedlichen Einstufungen der Giftigkeit führen.

Was die einen noch regelmässig als Gemüse essen würden, würden die anderen nicht einmal im Notfall äusserlich anwenden, z.B. Beinwell.

Nichtwissen und Verallgemeinerungen

Efeu Hinzu kommen in vielen Fällen noch Verallgemeinerungen und Halbwissen.

Efeubeeren beispielsweise sind zweifelsohne giftig und nicht zum menschlichen Verzehr geeignet.

Efeublätter sind vergleichsweise ungiftig und können von Erwachsenen problemlos hin und wieder als Tee getrunken werden. Auch die äusserliche Anwendung von Efeublättern ist ungefährlich.

Aus Unsicherheit und Unwissen wird jedoch von vielen Menschen der ganze Efeu als giftig betrachtet.

Mythen

Löwenzahn Manche Menschen glauben tatsächlich, dass Löwenzahnn giftig ist, weil er weissen Milchsaft enthält.

Das haben sie so von ihrer Mutter und Grossmutter gelernt, die an die Faustregel glaubten, dass alle Pflanzen mit weissem Milchsaft giftig sind. (Wahrscheinlich war ihnen nicht bewusst, dass selbst der Kopfsalat weissen Milchsaft enthält.)

Diese Faustregel ist sinnvoll, um kleine Kinder mithilfe einer einfachen Regel vor Vergiftungen beispielsweise durch Wolfsmilch-Arten zu schützen.

Aber wenn sich solch eine Regel bis ins Erwachsenenalter als Pseudo-Wissen hält, verpasst man eine wertvolle Heil- und Wildgemüse-Pflanze.

Davon abgesehen hat natürlich auch der Löwenzahn Nebenwirkungen, wenn man ihn zentnerweise als Hauptnahrung isst. Denn: "allein die Dosis macht, das ein Ding kein Gift ist.".

Ähnlich wie bei diesem Löwenzahnbeispiel gibt es viele Heilpflanzen, die von Müttern und Grossmüttern als giftig bezeichnet wurden. Vor allem ängstliche Vorfahren haben sicherheitshalber lieber einige Giftwarnungen zu viel als eine zu wenig ausgesprochen.


Hochgiftige Pflanzen der Kräuter-Medizin

Einige wertvolle Heilpflanzen sind so giftig, dass man sie unverdünnt keinesfalls als Selbstmedikation anwenden darf und sollte.

Sie gehören in die Hand eines erfahrenen Arztes und werden meistens in standartisierter Form als Fertigpräparat eingesetzt.

Die bekannteste Heilpflanze dieser Art ist zweifelsohne der Fingerhut (Digitalis). Unbedarft angewendet kann er töten, aber richtig angwendet kann er Leben retten, weil er das Herz messbar stärkt.

Weniger bekannt ist die tödlich giftige Eibe, deren Gift als Chemotherapeutikum in der Krebsbehandlung verwendet wird.

Giftpflanzen homöopathisch eingesetzt

Tollkirsche Andere hochgiftige Heilpflanzen werden kaum je hochdosiert angwendet, finden aber homöopathisch potenziert (verdünnt) regelmässige Anwendung.

Besonders bekannt für diese Nutzung sind der Eisenhut (Aconitum napellus) und die Tollkirsche (Atropa belladonna). Ab der Potenz D4, also 1:10.000 verdünnt, kann man sie frei in Apotheken kaufen und auch als Laie anwenden. In dieser starken Verdünnung (Potenz) werden sie nicht mehr als giftig betrachtet und können eine sanfte Wirkung entfalten.


Mittelgiftige Heilkräuter

Kuhschelle Neben den stark giftigen Heilpflanzen gibt es welche, die zwar von den meisten Kräuterkundigen als giftig betrachtet werden, aber kaum tödlich wirken.

Solche Heilpflanzen sollten nur von erfahrenen Anwendern benutzt werden und am besten auch nur in kleinen Mengen, in Mischtees oder äusserlich, je nach Art der Pflanze.

Ein typisches Beispiel für solch eine mittelgiftige Pflanze ist die Kuhschelle.

Einst war sie eine wichtige und viel genutzte Frauenheilpflanze.

Doch dann geriet sie in den Ruf, giftig zu sein. In frischer Form enthält sie nämlich typische Giftstoffe der Hahnenfuss-Familie. Ausserdem wirkt sie bei manchen Menschen hautreizend, aber nicht bei allen. Die Giftigkeit im frischen Zustand und die eventuelle Hautreizung hat ausgereicht, um die ganze Pflanze als giftig zu klassifizieren.

In getrocknetem Zustand verliert sich jedoch das Gift. Daher kann man sie normalerweise problemlos als Tee anwenden, wenn man den Tee aus getrockneten Pflanzenteilen zubereitet. Auch als Tinktur zubereitet verliert sich das Gift der Kuhschelle.

So erklärt es sich, dass manche Kräuterheilkunde die Kuhschelle als ungiftig bezeichnen. Sie haben genauso recht wie diejenigen, die sie als giftig betrachten.

Wer ganz sicher gehen will, verwendet solche Heilpflanzen nur homöopathisch verdünnt, beispielsweise ab der Potenz D3.


Leicht giftige Heilpflanzen

Scharbockskraut Manche Heilpflanzen sind nur so schwach giftig, dass selbst Ängstliche nur von einer schwachen Giftwirkung bei hoher Dosierung sprechen.

Die Giftigkeit solcher Heilpflanzen ist besonders umstritten, denn es kommt stark auf den persönlichen Massstab an, was als giftig und was als ungiftig betrachtet wird.

Schliesslich müsste man nahezu sämtliche Pflanzen mindestens als leicht giftig betrachten, wenn man davon ausgeht, dass sich jemand über einen längeren Zeitraum ausschliesslich davon ernährt.

Typisch für diese leichte Giftigkeits-Stufe ist das Scharbockskraut, das im Spätwinter die lichten Wälder mit grünen, gelblühenden Teppichen überzieht. Früher hat man das Scharbockskraut in grösseren Mengen als Wildsalat gegessen, um gegen den winterlichen Vitamin-C-Mangel anzukämpfen. Heute weiss man, dass die Pflanze vor allem ab der Blütezeit kleine Mengen giftige Scharfstoffe enthält, die bei hoher Dosierung nierenschädigend wirken können.

Da die Blätter ab der Blütezeit sowieso nicht mehr gut schmecken, sollte man sicherheitshalber auf ihren Genuss zu diesem Zeitpunkt verzichten.

Ob man aber ganz auf den Frühlingssalat mit Scharbockskraut verzichten sollte, auch vor der Blütezeit, ist eine Sache der individuellen Einschätzung. Besonders Ängstliche vermeiden ihn wohl besser vollständig, sie müssen dann aber auch auf die meisten anderen Wildgemüse und Wildsalate verzichten, weil sich bei fast jeder dieser Pflanzen irgend etwas finden lässt, was ängstliche Gemüter abschrecken könnte.


Ungiftige Heilpflanzen mit Nebenwirkungen

Kamille Die meisten ungiftigen Heilpflanzen haben mehr oder weniger starke Nebenwirkungen.

Da Heilpflanzen, die als ungiftig gelten, meistens im Ruf der Harmlosigkeit stehen, sind die Nebenwirkungen oft nicht sehr bekannt.

Dies steht in erstaunlichem Kontrast zur Angst, die oft mit vermeintlich giftigen Pflanzen verbunden ist.

Dabei sind die Übergänge fliessend und Definitionssache.

Eine besonders bekannte Heilpflanze mit deutlichen Nebenwirkungen ist die allseits beliebte Kamille.

Die Kamille ist eine der vielseitigsten Heilpflanzen und hat starke Heilwirkungen.

Wenn man ihre Nebenwirkungen berücksichtigt, kann man sie auch schadlos anweden.

Kamille wirkt nämlich austrocknend auf die Haut. Das ist nicht nur eine Nebenwirkung, sondern auch Teil der erwünschten Wirkung, denn sie trocknet auch nässende Ekzeme aus.

Ausserdem darf man Kamille keinesfalls in den Augen anwenden, obwohl dies eine beliebte Anwendungsweise der Kamille ist. Die feinen Härchen der Kamillenblüten reizen nämlich die Augen sehr stark. Selbst mit einem guten Teefilter kann man diese Härchen nicht ausfiltern.

Auch die Pfefferminze hat erhebliche Nebenwirkungen. Zwar wird die Pfefferminze häufig gegen Magenbeschwerden eingesetzt, aber sie kann auch stark magenreizend wirken. Manche Menschen reagieren sogar mit gesunden Magen empfindlich auf die Pfefferminze.

Erwähnenswert ist wohl auch noch, dass Johanniskraut deutliche Nebenwirkungen hat. Johanniskraut ist eine der am besten untersuchten Heilpflanzen. Es wird gerne gegen depressive Verstimmungen eingesetzt, weil es eine messbare und sanfte Wirkung gegen diese Erkrankung hat.

In hoher Dosis eingenommen, kann Johanniskraut Wechselwirkungen mit zahlreichen verschreibungspflichtigen Medikamenten haben. In den meisten Fällen bewirken die Wechselwirkungen, dass die Wirkung des Medikamentes abgeschwächt wird, beziehungsweise schneller nachlässt. Davon sind beispielsweise Herzglykoside, Gerinnungshemmer, Antidepressive und Antibabypillen.

Mögliche Nebenwirkungen des Johanniskrautes sind unter anderem Kopfschmerzen, Magen-Darm-Beschwerden, Müdigkeit und Lichtempfindlichkeitsreaktionen.

Aus diesen Gründen ist Johanniskraut in höheren Dosen seit 2003 apothekenpflichtig. Nur niedrig dosiert ist es weiterhin frei verkäuflich.

Die Neben- und Wechselwirkungen des Johanniskrautes mindern jedoch nicht seine nützliche Wirkung gegen Depressionen, denn andere Mittel, die vergleichbar gut wirken, haben mindestens so starke Nebenwirkungen.


Langzeitfolgen durch Heilkräuter-Anwendungen

Abgesehen von direkten Nebenwirkungen durch Heilkräuter-Anwendung kann es auch Langzeitfolgen geben.

Solche Langzeitfolgen können manchmal auftreten, wenn man Heilpflanzen in grösseren Mengen über einen langen Zeitraum anwendet.

Dies ist beispielsweise dann der Fall, wenn man Heilpflanzen regelmässig als Haustee trinkt, als Dauermedikation bei chronischen Erkrankungen einnimmt oder als regelmässig genossenes Wildgemüse isst.

Hier greift wieder die Faustregel: allein die Dosis macht einen Stoff zum Gift.

Langzeitfolgen müssen nicht auftreten, aber sie können passieren, selbst wenn solche Folgen bei einer bestimmten Pflanze noch nicht bekannt sind.

Das heisst nicht, dass man keinen Kräutertee als Haustee trinken darf. Man sollte aber darauf verzichten, Heilpflanzen mit starker Heilwirkung als Alltagstee zu trinken. Das betrifft beispielsweise die Kamille, die starke Heilwirkungen hat und daher nicht über einen langen Zeitraum hinweg als Haustee getrunken werden sollte.

Organschäden als Langzeitschaden

In manchen Fällen werden Organe des Körpers durch Langzeitanwendung geschädigt.

So wie eine Heilwirkung durch eine Art Reiz auf die Organe stattfindet, kann dieser Reiz bei einer dauerhaften Anwendung auch schädigend wirken. Das liegt dann schlichtweg an der Häufigkeit des Reizes.

Es können auch Nebenwirkstoffe sein, die sich erst bei Daueranwendung schädigend bemerkbar machen.

Krebsfördernde Wirkung

Eine besonders angsteinflössende Schadwirkung ist die Entstehung von Krebs.

Krebs kann generell durch fast alle Reize gefördert werden, die längerfristig auf den Körper einwirken.

Hier kommen sowohl chemische Reize (Chemikalien, Umweltverschmutzung) in Frage, als auch physikalische Reize (z.B. Sonneneinstrahlung).

Daher können logischerweise im Prinzip auch Heilpflanzen-Wirkstoffe bei hochdosierter Langzeitanwendung in seltenen Fällen die Entstehung von Krebs begünstigen.

Das ist keine spezielle, besonders unangenehme Folge der Heilkräuter-Nutzung, sondern ein allgemeines Phänomen, das mit allen Arten von Substanzen auftreten kann.

Diese Tatsache sollte man berücksichtigen, wenn vor eventuellen krebsfördernden Wirkungen einer Heilpflanze gewarnt wird.


Unterschiedliche Standpunkte

Die Einschätzung, ob eine Heilpflanze schädliche Wirkungen hat oder nicht, ist nicht nur eine Sache der individuellen Einschätzung, sondern hängt auch davon ab, zu welcher Personengruppe man gehört.

Kräuterheilkunde

Da gibt es zum einen die klassischen Kräuterkundigen, die sich vorwiegend auf die traditionelle Volksheilkunde beziehen. In der Volksheilkunde werden Kräuter entsprechend der Erfahrungen der Vorfahren eingesetzt. Daher spricht man auch von Erfahrungsheilkunde.

Diese Kräuterkundigen betrachten eine Heilpflanze als Ganzes mit der Summe ihrer Inhaltstoffe, ihrem Standort und ihrer Wuchsform. Wenn eine Heilpflanzen vielen Generationen bei ihren Gesundheitsproblemen geholfen hat, gilt dies als ausreichender Hinweis für den Nutzen einer Heilpflanze.

Aus naturwissenschaftlicher Sicht, macht die Verwendung der ganzen Heilpflanze, unter Berücksichtigung von Standort und anderen Faktoren, durchaus Sinn. Die zahlreichen Inhaltstoffe einer Heilpflanze unterstützen sich nämlich meistens gegenseitig in ihrer Wirkung. Manche aggressiv wirkenden Inhaltstoffe werden beispielsweise von anderen Inhaltstoffen abgepuffert, sodass sie sanfter sind aber trotzdem voll wirken.

Kräuterkundige untersuchen jedoch nicht detailliert die Wechselwirkungen der einzelnen Wirkstoffe miteinander, sondern vertrauen auf den natürlichen Sinn, der hinter einer Wirkstoffkombination in einer Heilpflanze steckt.

Phytotherapie

Auf der anderen Seite gibt es die Pharmaindustrie und die evidenzbasierte Medizin (Schulmedizin). Sie beschäftigen sich, neben den chemischen Medikamenten, mit der Phytotherapie. Schon dieser Name unterscheidet sich deutlich von der Bezeichnung Kräuterheilkunde.

Pharmazeuten betrachten Heilpflanzen als Behälter einzelner Wirkstoffe und bemühen sich, den jeweiligen Hauptwirkstoff zu isolieren und nach Möglichkeit einzeln zur Anwendung zu bringen. Der Rest der Pflanze gilt den meisten als überflüssiger Ballast.

An die Pflanzenwirkstoffe werden in der Phytotherapie in etwa die gleichen Anforderungen gestellt wie an chemische Medikamente. Die Wirkung muss in medizinischen Studien nachweisbar sein, was ja grundsätzlich löblich ist.

Da sich Heilpflanzen jedoch kaum patentieren lassen, finden sich oft keine Geldgeber für die teuren Studien. Daher fehlt für viele bekannte Heilpflanzen der wissenschaftliche Nachweis ihrer Wirkung.

Da vielen Pharmazeuten die Anwendung von Heilpflanzenprodukten ein Dorn im Auge ist, werden jedoch relativ häufig einzelne Inhaltstoffe von Heilpflanzen untersucht, in dem Bestreben, eine Schädlichkeit nachzuweisen.


Kampagnen zur Verunglimpfung

Manchmal werden einzelne Heilpflanzen oder gar ganze Pflanzengruppen so zum Opfer von Verunglimpfungskampagnen.

Meistens geschieht dies nach aussen hin als Massnahme zur Risikobegrenzung für den Anwender.

Politiker, die letzlich die Entscheidungen treffen, ob eine Heilpflanze apothekenpflichtig oder rezeptpflichtig wird oder gar ganz aus dem Handel genommen wird, glauben oft, dass für die Allgemeinheit etwas Gutes tun. Sie wissen meistens nicht genug über Heilpflanzen, um die Situation selbst beurteilen zu können und müssen sich auf die Fachleute verlassen.

Die Studien, die zu Verboten von Heilpflanzen führen, sind manchmal fragwürdig. Manchmal werden diese Studien auch von Fachleuten interpretiert, die ein Interesse daran haben, Heilpflanzen vom Markt zu nehmen.

Sogar Gewürze werden manchmal Opfer solcher Kampagnen, wie in den letzten Jahren erst mit dem Zimt geschehen.

Wenn eine Verunglimpfungs-Kampagne sehr erfolgreich ist, schafft es die Negativ-Information nicht nur dauerhaft ins Bewusstsein der Menschen, sondern auch in manch renommierte Kräuterbücher.

Ob die Negativ-Informationen berechtigt sind oder nicht, ist in den meisten Fällen für Laien nur schwer herauszufinden.

Kräuter-Verunglimpfung am Beispiel der Pyrrolizidinalkaloide

Jakobs-Kreuzkraut Pyrrolizidinalkaloide sind eine grosse Gruppe von Alkaloiden, die in manchen Pflanzen enthalten sind.

Einige Pyrrolizidinalkaloide haben eine leberschädigende Wirkung. Bei Langzeitanwendung können sie auch Leberkrebs auslösen.

Das trifft aber nicht auf alle Pyrrolizidinalkaloide, sondern nur auf einige, beispielsweise Senecionin und Senkirkin.

Solche schädlichen Pyrrolizidinalkaloide sind beispielsweise in Kreuzkräutern enthalten, einer grossen Pflanzengattung.

Seit langer Zeit ist bekannt, das das Jakobs-Kreuzkraut zu tödlichen Leber-Schädigungen bei Weidetieren führen kann, wenn diese vom Jakobs-Kreuzkraut fressen. Frisches Jakobs-Kreuzkraut wird von den Weidetieren meistens gemieden, weil es bitter schmeckt, aber im trockenen Heu verliert sich der bittere Geschmack und es kommt zu den Problemen.

Soweit ist es eine klare Sache mit den Pyrrolizidinalkaloiden. Man kann die betroffenen Kreuzkräuter getrost als giftig bezeichnen.

Aber dann begann Ende der 1980er Jahren eine Kampagne, die alle Heilpflanzen, die Pyrrolizidinalkaloide enthalten, als giftig abstempeln wollte.

Pyrrolizidinalkaloide sind in zahlreichen Pflanzen der Familien Korbblütler, Rauhblattgewächse und Hülsenfrüchtler enthalten.

Dazu gehören so bekannte, traditionelle Heilpflanzen wie

  • Huflattich
  • Beinwell
  • Borretsch
  • Pestwurz
  • Wasserdost
Im Jahr 1988 schrieb das deutsche Bundesgesundheitsamt (BGA) an zahlreiche Arzneimittelhersteller und kündigte das Ruhen der Zulassung von über 2500 Naturheilmitteln an, die Heilpflanzen mit Pyrrolizidinalkaloiden enthielten.

Der Auslöser dieser Kampagne war der Tod eines Neugeborenen, dessen Mutter angeblich während der Schwangerschaft Huflattich-Tee getrunken hatte.

Diese Nachricht ging durch zahlreiche Medien und sorgte schnell für starke Verunsicherung in Hinblick auf den Huflattich.

Bei näherer Betrachtung stellte sich jedoch heraus, dass die Mutter des Säuglings drogensüchtig war. Sie trank ausserdem einen Mischtee, der maximal neun Prozent Huflattich enthielt. Die anderen Heilpflanzen in diesem Mischtee wurden weder von den Medien noch vom BGA berücksichtigt. Neuere Meldungen bezweifelten sogar, ob überhaupt Huflattich in dem Mischtee enthalten war.

Zur Untermauerung der Schädlichkeits-Vorwürfe gab es Tierversuche mit Ratten. Die Ratten wurden mit Futter gefüttert, das 4% bis 32% Huflattich enthielt. Die Ratten verweigerten das Futter ab 15% Huflattichanteil, daher wurde ihnen das Futter zwangsweise verabreicht.

Allein der Stress durch Zwangsernährung kann schon krebsfördernd wirken. Ausserdem gilt auch bei Huflattich: allein die Dosis macht einen Stoff zum Gift.

Kein vernünftiger Mensch und auch kein Tier würde sich zu einem hohen Prozentsatz von Huflattich ernähren.

Eine gesundheitsschädliche Wirkung bei Zwangsernährung mit immer den gleichen Kräutern würde nicht nur bei Huflattich, sondern bei allen Heilpflanzen auftreten. Selbst bei Zwangsernährung mit Kaffee, Bier, Kochsalz und dergleichen kann man sich als Tester sicher sein, dass es zu Gesundheitsproblemen kommt.

Man kann also sehr einfach eine Heilpflanze oder ein Genussmittel in Misskredit bringen, indem man einfach Versuchstiere damit zwangsfüttert.

Wenn die schädigende Wirkung nicht drastisch genug ist, wird häufig die zu verteufelnde Substanz chemisch isoliert und den Versuchstieren hochdosiert gespritzt. Spätestens bei solchen Versuchen hat man dann sehr extreme Gesundheitsstörungen. Dabei ist es völlig egal, mit welcher Substanz man die Tiere behandelt.

So wundert es nicht, dass die Versuchratten nach längerer Huflattich-Zwangsfütterung krank wurden, sie bekamen Leberkrebs.

Diese Versuchsergebnisse wurden schliesslich verwendet, um die Verbote der betroffenen Heilpflanzen durchzusetzen.

In der Folgezeit brach ein langjähriger Kampf aus, zu dem mir nicht alle Einzelheiten bekannt sind.

Ein vollständiges Verbot von Huflattich, Beinwell und anderen Heilpflanzen konnte letztendlich nicht durchgedrückt werden. In den meisten Kräuterhandlungen sind Beinwell und Huflattich inzwischen nicht mehr erhältlich, das gilt auch für die meisten anderen Pflanzen, die damals auf der Verbotsliste des BGAs standen. In Apotheken kann man Beinwell und Huflattich jedoch rezeptfrei bestellen.

In den Köpfen der Menschen und vor allem auch der Kräuterkundigen ist jedoch ein erheblicher Schaden angerichtet worden.

Zahlreiche Menschen glauben inzwischen allen Ernstes, dass alle Pflanzen, die auch nur geringste Mengen Pyrrolizidinalkaloide enthalten, egal welcher Art, gefährlich giftig und krebsfördernd sind. Kräuterkundige und Buchautoren werden manchmal so lange bedrängt, bis sie entsprechende Warnungen in ihre Publikationen aufnehmen. So gelangt die fehlerhafte Information, dass Huflattich, Beinwell und generell alle pyrrolizidinalkaloid-haltigen Heilpflanzen giftig sind, in immer mehr Publikationen, bis diese Falschinformation im Laufe der Jahre zu einem festen Bestandteil des Allgemeinwissens werden wird.

Daran kann man erkennen, dass man nicht nur die Heilpflanzen selbst mit einem gewissen Augenmass betrachten muss, sondern auch die Informationen über Wirkungen und Nebenwirkungen von Heilpflanzen.

Hinweis: die Giftigkeit von Pyrrolizidinalkaloiden in Kreuzkräutern wird in diesem Artikel keineswegs bestritten. Die kritischen Äusserungen beziehen sich ausschliesslich auf die Panikmache und Verbotsversuche, die pauschal alle Pflanzen mit Pyrrolizidinalkaloiden verteufeln.


Home Up